5.7.1. Offene Erwachsenenbildung / Ökumenisches Bildungszentrum sanctclara
Offene Erwachsenenbildung (EB) im kirchlichen Kontext – in Dekanat und Pfarrei Mannheim
Die offene Erwachsenenbildung ist eine wichtige Ausdrucksform der Kirche in der Welt von heute. Sie muss darum auch fester Bestandteil des pastoralen Handels in der künftigen Pfarrei Mannheim sein. Kirche wird hier in all ihren Ausprägungen verstanden: Zeugnis, Diakonie, Liturgie, Gemeinschaft.
Aber: Wie sieht eine re-kontextualisierte, sich kulturell diakonisch verstehende kirchliche Erwachsenenbildung heute aus? Wie ist heute die Beziehung von Diakonie, Bildung, Kultur und Pastoral zu beschreiben?
Daran weiterzudenken, macht uns allen hoffentlich Freude!
1. Was bis jetzt zum Selbstverständnis kirchlich getragener EB gehört:
- Ganzheitlichkeit: Menschen sind in der kirchlich verantworteten EB ganzheitlich im Blick und sollen die Möglichkeit haben, sich nach (oder parallel) zu ihren überwiegend tätigkeitsbezogenen Aus-, Fort- und Weiterbildungen mithilfe von Bildungsangeboten persönlich weiter zu entwickeln und zu entfalten. Bildung umfasst die Kompetenz, Stellung zu beziehen, im Dialog eine eigene Position zu entwickeln und zu klären. Zur Bildung gehört die Befähigung, Pluralität zu bejahen, mit Komplexität umzugehen, Konflikte anzunehmen und in der Haltung gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung zu bearbeiten.
- Bildungsgerechtigkeit: Auch Menschen mit weniger Geld sollen an diesen Angeboten teilnehmen können. Dies unterscheidet kirchlich getragene EB sehr oft von Angeboten des freien Bildungsmarktes.
- Mitgestaltung: Offene Erwachsenenbildung ist keine passiv zu konsumierende Dienstleistung, sondern lebt davon, dass sich die Zielgruppen, Adressat*innen und Teilnehmer*innen aktiv ins Bildungsgeschehen einbringen – dies wird bei der Konzeption und von den Referent*innen berücksichtigt und umgesetzt. Als Anspruchsgruppen für offene EB können Menschen diese Angebote auch selbst initiieren, in dem sie ihre (Bildungs-)Bedarfe einbringen und auch ihre eigene Lebenserfahrung, ihre Kompetenzen und Charismen.
- Milieus überschreiten und in Kontakt bringen: Bildungsarbeit in kirchlicher Trägerschaft wendet sich auch bewusst an Menschen, die kirchenkritisch, glaubenskritisch, kirchenfern, glaubensfern sind und will ihnen eine „Kontaktmöglichkeit“ zu Kirche, kirchlichem Leben und zu sich als Christ*innen verstehende Menschen bieten – und vice versa! Und diese beidseitige Kontaktmöglichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie offen, einladend, inspirierend, zugewandt, wertschätzend und respektvoll ist.
- Lernort für Kirche-Sein: EB kann als kirchlicher „Ort“ gelten. Gleichzeitig sollen aber auch die Erfahrungen und Rückmeldungen aus der EB in das kirchliche Leben, in das Selbstverständnis von Kirche- und Christ*in-Sein in der Welt, einfließen und sich dort bemerkbar machen.
- Anteil am politischen Bildungsauftrag: Die offene EB im Erzbistum Freiburg arbeitet mit im pluralen Weiterbildungssystem in Baden-Württemberg. Die geleisteten förderfähigen EB-Angebote werden jährlich angefragt, zusammengestellt – damit werden die entsprechenden Landesmittel abgerufen und können an die Akteur*innen (z.B. Bildungswerke in den Gemeinden, Katholische Öffentliche Büchereien, Verbände) weitergereicht werden.
2. Ausgangssituation: Bildungsarbeit für Erwachsene im Kontext des Stadtdekanats Katholische Kirche Mannheim
Die folgende Zusammenstellung ist keineswegs vollständig. Wenn wir in die einzelnen kirchlichen Arbeits- und Engagement-Bereiche im Dekanat hineinzoomen, werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit noch mehr entdecken und benennen können, was in den Bereich der (offenen) Erwachsenenbildung fällt, was „bildungsförmig“ ist. Im Prozess der Kirchenentwicklung Mannheim gilt es, diese Vielfalt und Fülle weiterzuführen, auszubauen, auch umzugestalten und für und in der Pfarrei Mannheim als attraktive Engagement-Felder zu gestalten – für Ehrenamtliche und Hauptamtliche!
| Organisationale Ebene Verantwortliche für EB | Akteur*innen | Akteur*innen | Angebotskategorien Angebotsbeispiele |
| | Hauptamtlich | Ehrenamtlich | |
| sanctclara, Ökumenisches Bildungszentrum | X | X | siehe: www.sanctclara.de |
| Bildungswerke (BW) in den Gemeinden: BW St. Ägidius, Feudenheim BW St. Peter, Ilvesheim BW Christ König, Wallstadt BW St. Bartholomäus, Sandhofen BW Guter Hirte, Schönau Wichtig: Einige Bildungswerke sind für die örtlichen Gemeinden und Verbände Sammelstellen für deren Bildungsangebote, damit diese die entsprechenden staatlicher Fördermittel beantragen und erhalten können. | | X X X X X | Vorträge zu theologischen, (inter-)religiösen, kulturellen, gesellschaftspolitischen, historischen… Themen, zu Bewegung, Gesundheit, Sport; Bildungsfahrten, Besichtigungen, Film- und Literaturveranstaltungen, Ausflüge und religiöse Veranstaltungen mit Bildungsanteil…. |
| DIE BÜCHEREI - kirchliche Büchereien vgl. 6.2 im Entwurf des Pastoralplans | | X | vgl. 6.2 |
| Mitarbeiter*innen in Pfarrgemeinden, in der Pastoral und in der kategorialen Seelsorge Wichtig: Hier und auch in anderen betreffenden Feldern ist das ausdifferenzierte und sehr umfangreiche Angebot der Caritas Mannheim nicht erfasst. Dazu gibt es ja eine eigene Eingabe in die Steuerungsgruppe. | X | X | Vorträge, Kurse und Reihen zu verschiedenen Themen, Bildungsfahrten und -reisen, Angebote zur Qualifizierung Ehrenamtlicher z.B. Kommunion-Eltern… Spezifische Qualifizierungs-angebote für Ehrenamtliche in Feldern der Kategorialseelsorge z.B. für Geflüchtete |
| Kitas, Schulen in kirchlicher Trägerschaft | X | X | Bildungsangebote für Eltern Bildungsangebote von Eltern |
| Ehrenamtskoordinatorin ist Teil des Teilprojekts Engagementförderung > vgl. 2.3 im Entwurf des Pastoralplans | X | X | vgl. 2.3 Engagementförderung |
| Verbände wie z.B. kfd, Forum Älterwerden, KAB, Jugendverbände… Wichtig: Hier ist das Feld sowohl der Organisationen als auch der Akteur*innen sehr differenziert und umfangreich. Um sich besser zu vernetzen und um besser kooperieren zu können, wäre hier eine fortgeschriebene Bestandsaufnahme hilfreich – mit möglichen Kontaktdaten (Datenschutz wird beachtet) | X | X | Bildungsangebote wie Vorträge; Feiern, geselliges Beisammensein, Aktionen, spirituelle Angebote, Sportveranstaltungen… Wichtig: Viele Angebote sind „bildungsförmig“. Um dafür aber Landesmittel zu erhalten, müssen sie offen ausgeschrieben werden. |
| Diözesanstelle Rhein-Neckar | X | X | siehe: https://dst-rn.de/ |
| Mit Kooperationspartner*innen z.B. Evangelische Partnergemeinde, Moscheegemeinden, jüdische Gemeinde ACK-Gemeinden… auch Organisationen kultureller und politischer Akteur*innen in der Stadt-Gesellschaft Mannheims wie z.B. Parteien, Umweltschutzorganisationen, Kinos, Kunsthalle… | X | X | Vorträge, interreligiöse (Gesprächs-)Angebote, Kirchen-/Moschee-/ Synagogenführungen Veranstaltungen rund um den Weltgebetstag… Podiumsdiskussionen, Workshops, Filmgespräche… |
3. Bestand, Veränderungen, Zukunftsideen im Bereich der (offenen) Erwachsenenbildung
3.1 Die aktuell existierenden Bildungswerke (BW) in den Gemeinden bleiben vor Ort – auch in der Pfarrei Mannheim!
Denn offene EB gewinnt dort:
- durch die „Ortskenntnisse (z.B. bei Bedarfserhebung) und die Vernetzungen der ehrenamtlichen BW-Leiter*innen (z.B. zu anderen kirchlichen Gruppen vor Ort)
- durch die kurzen Wege, denn Bildungsinteressierte finden quasi „ums Eck“ ein attraktives Angebot vor
- durch die von den Teilnehmenden gewünschten/gesuchten Überschaubarkeit des Einzugsbereichs und der Möglichkeit, bei Bildungsangeboten auch Menschen des sozialen Nahraums zu treffen bzw. Neue kennenzulernen
Darum gilt es, bei allen Funktionsträger*innen und Anspruchsgruppen und in den Gemeinden vor Ort, das Bewusstsein zu stärken, das BWs (und auch die KÖBs) selbstverständlich zum Gemeindeleben gehören. Deshalb müssen sie berücksichtigt und unterstützt werden im Finanzhaushalt und im Raumkonzept der Gemeinde.
Das heißt:
Die aktuell aktiven Ehrenamtlichen in den regionalen BWs
- erfahren Unterstützung in ihren Aufgaben durch ihre haupt- und ehrenamtlichen Ansprechpersonen in den Gemeinden und Seelsorgeeinheiten
- erfahren Unterstützung durch die entsprechenden kirchlichen Akteur*innen bei der Suche nach Nachfolger*innen als BW-Leiter*innen bzw. bei der Überlegung und Implementierung anderer Akteur*innen, die vor Ort EB-Veranstaltungen organisieren und anbieten
- erleben Wertschätzung, Transparenz, ein verlässliches Gegenüber und unbürokratische Unterstützung für ihre Aufgaben in der Zeit der Transformation zur Pfarrei Mannheim und in der Pfarrei Mannheim
Konkrete Zielsetzungen für den Kirchenentwicklungsprozess zur Pfarrei Mannheim:
- Die (katholische) Leiter*in des örtlichen Bildungszentrums sanctclara (als Fach- und Servicestelle für diese Ehrenamtlichen) arbeitet mit den entsprechenden konkreten, verantwortlichen Funktionsträger*innen im Dekanat Mannheim und in der künftigen Pfarrei Mannheim konzeptionell und strategisch zusammen, um ehrenamtliche Akteur*innen für die Umsetzung offenen EB zu finden und diese in ihrer Arbeit zu unterstützen. Dies wird in den Tätigkeitsbeschreibungen der betreffenden Funktionsträger*innen ausdrücklich festgehalten und gegebenenfalls mit einem Zeitkontingent hinterlegt.
- In den künftigen Pastoralteams muss es mindestens eine Ansprechperson für Erwachsenenbildung geben. Diese kooperiert mit der Leitung des regionalen Bildungszentrums und ist über diese auch mit den Akteur*innen der ehrenamtlich geleiteten offenen Erwachsenenbildung in der Pfarrei Mannheim (strukturell) vernetzt.
- In der künftigen Verwaltung der Pfarrei Mannheim gibt es verbindliche Personalressourcen „Verwaltungsunterstützung ehrenamtlicher Erwachsenenbildung“ mit einem Umfang von mindestens 8 Stunden pro Woche. Hilfreich wäre dabei eine Ansprechperson (mit Vertretungsregelung), damit sich Abläufe einspielen und Beziehungen wachsen können.
3.2 Erwachsenenbildung in der Pfarrei Mannheim wird pluraler und bindet weitere Akteur*innen ein
Wie die Tabelle in „2. Ausgangssituation“ zeigt, gibt es auf der organisationalen Ebene neben den örtlichen Bildungswerken auch zahlreiche weitere haupt- und ehrenamtliche Akteur*innen in der Erwachsenenbildung.
3.2.1 Erwachsenenbildung als Querschnittsaufgabe Für eine zukunftsfähige Erwachsenenbildung mit attraktiven Bildungsangeboten in der Pfarrei Mannheim sind nicht nur die haupt- und ehrenamtlichen Bildungs-Profis verantwortlich, da in vielen kirchlichen Arbeitsbereichen und von vielen Akteur*innen „bildungsförmige Angebote“ gemacht und genutzt werden. Was bisher aber kaum geschieht, ist die Vernetzung und strategische Kooperation von „Bildungs-Profis“ und den zahlreichen anderen Anbieter*innen im Feld der Erwachsenenbildung. Eine solche Vernetzung dient dem inhaltlich-fachlichen Austausch, einer strategischen und besser abgestimmten Planung von Bildungsaktivitäten auf Pfarrei-Ebene und einer gegenseitige Unterstützung z.B. bei Bildungskonzeption, Referent*innen, Öffentlichkeitsarbeit und last but not least bei der Gewinnung, Qualifizierung und Bindung von Menschen, die Freude daran haben - als Ehrenamtliche - Bildungsangebote zu konzipieren und umzusetzen, z.B. auch gerne in einem Team Ehrenamtlicher oder/und in Kooperation mit hauptamtlichen Ansprechpersonen in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern der Pfarrei Mannheim.
Zielsetzungen für den Kirchenentwicklungsprozess zur Pfarrei Mannheim:
- Im Pastoralplan der Pfarrei Mannheim wird eine effektive, repräsentative und „schlanke“ Plattform „Erwachsenenbildung“ Bei der Zusammenstellung der Mitarbeitenden in dieser Plattform wird auf fachliche Kompetenz, auf aufgabenbezogene Zuständigkeit und auf strukturelle und organisationale Gestaltungsmöglichkeit geachtet. Auch das Verhältnis von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden soll der Effektivität dieser Plattform dienen. Sinnvoll ist es auch, außerkirchliche Perspektiven und Kompetenzen einzubeziehen, z.B. über zeitweise Mitarbeitende oder Gäste anderer Player in der EB in Mannheim, Vertreter*innen aus der Ökumene, politische Vertreter*innen, Expert*innen zu bestimmten Themen.
- Aufgabe und Zielsetzung dieser Plattform bzw. ihrer Mitarbeitenden ist es, konzeptionell und auch operativ Erwachsenenbildung in der Pfarrei Mannheim zu vernetzen, mit zu planen und gegebenenfalls auch selbst als Anbieter*in von EB-Angeboten aktiv zu sein.
- Die (wenigen, organisational gut ausgewählten) teilnehmenden Personen an dieser Plattform Erwachsenenbildung brauchen ein Mandat für diese bereichsübergreifende Aufgabe und die Rückbindung in ihre je eigenen Arbeitsbereiche. Sie brauchen dafür auch ein entsprechendes Zeitkontingent und dürfen – nach Absprache – auch Ressourcen ihrer Organisationen und Arbeitsbereiche für die Mitarbeit in dieser Plattform nutzen.
3.2.2 Gewinnung Ehrenamtlicher als Querschnittsaufgabe
Offene Erwachsenenbildung in der Pfarrei Mannheim soll auch weiterhin von Haupt- und Ehrenamtlichen Akteur*innen „befeuert“ werden.
Dabei müssen zusätzlich zu den bereits bestehenden Formen ehrenamtlichen Engagements neue Möglichkeiten überlegt und angeboten werden, die aufgreifen, dass sich Menschen verstärkt nur punktuell z.B. projekt- oder themenorientiert einbringen wollen.
Zielsetzungen für den Kirchenentwicklungsprozess zur Pfarrei Mannheim:
- Alle in kirchlichen Handlungsfeldern Aktive, v.a. die Hauptamtlichen „leben“, dass die Gewinnung Ehrenamtlicher eine Querschnittsaufgabe ist – d.h. sie sind dafür sensibilisiert und fachlich geschult, auf Menschen mit entsprechenden Charismen und Kompetenzen zuzugehen und OHNE DRUCK auszuüben, entweder selbst mit ihnen passende Engagement-Möglichkeiten zu identifizieren bzw. zu schaffen oder/und ihnen Ansprechpartner*innen zu nennen, deren Schwerpunkt die Förderung ehrenamtlichen Engagements ist – z.B. die Ehrenamtskoordinatorin, die entsprechenden Stelleninhaber*innen in Caritas und Bildungsarbeit.
Mannheim, 1.2. 2023
Petra Heilig, Ökumenisches Bildungszentrum sanctclara
